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Trends, Tipps und News aus der Gastro-Szene

September 2017 | Interview: Sabrina Forst

Zirkus Messajero

Der Zirkus Messajero kommt ganz ohne Elefanten und Hochseiltänzer aus und bietet doch Woche für Woche ein tolles Programm. Wir sprachen mit „Zirkusdirektor“ Gregor Herzog über sein Programm und die Musikszene in Mönchengladbach.

Du hast Deine Wurzeln eigentlich in der Musikbranche. Wie bist Du zu einem Restaurant mit Club- und Konzertlocation gekommen?

Als Kind wusste ich nie, was ich mal werden möchte. Und tatsächlich habe ich eine Berufslaufbahn im Zickzack-Kurs vollzogen, die mich durch etliche, höchst gegensätzliche Lebens- und Arbeitsbereiche geführt hat. Zuletzt landete ich im weltweiten Marketing für einen großen Hersteller musiktechnischer Geräte aller Art – also sagen wir mal im erweiterten Umfeld der Musikbranche, wo man auch den einen oder anderen Profimusiker persönlich kennen lernt. Als „meine Wurzeln“ betrachte ich das aber nicht. Andererseits war ich schon mit sechzehn zum ersten Mal Konzertveranstalter. Da gab und gibt es einen roten Faden in meiner Biografie, der viel mit Musik zu tun hat. Vom Dasein als angestellter Manager hatte ich die Nase irgendwann voll. Ich mochte nicht mehr Entscheidungen und Stile vertreten müssen, die mit meinen Wertvorstellungen immer weniger vereinbar waren. Der Sprung in die Gastronomie nebst Musikclub ergab sich, wie viele meiner Sprünge zuvor, ursächlich aus Freundschaften und den unplanbaren Wechselfällen des Lebens. Wer alles plant gibt dem Zufall keine Chance.

Auf der Webseite schreibt Ihr, dass es keine „Schublade“ für das Messajero gibt. Wie würdest Du deinen Laden jemandem beschreiben, der noch nie dort war?

Vor einiger Zeit hatte eine Stammbesucherin des Messajero ihren Bruder aus der süddeutschen Provinz zu Besuch und führte ihn zum Abendessen zu uns. Der schaute sich kurz um und sagte spontan: „Ach, das ist hier ja wie in Hamburg!“ Da dachte ich „Danke!“. Mitunter werden wir als „spanisches Restaurant“ missverstanden. Aber der Anspruch ist nicht pseudo- spanisch, sondern authentisch einmalig. Das Messajero kommt nicht als typisches, reines Restaurant daher, auch wenn wir großen Wert auf eine ehrliche, leckere und bekömmliche Slow-Food-Küche legen. Wir möchten mehr, als Essen und Getränke hinstellen. Wir möchten idealerweise nicht nur Atmosphäre, sondern Geist. Als soziokultureller, urbaner Lebensort an industriegeschichtlicher Stelle in einer Großstadt, mit Gästen und Freunden von überall und von jeder Art und jeden Alters. Es läuft hier auch kein Wirt als wichtige Person zur Begrüßung herbei. Das Team ist prominenter. Wir machen das Gegenteil von sog. „Systemgastronomie“ und gehen als Gastro-Pub oder Restaurant-Kneipe gewissermaßen gegen die Trends und Zeitzeichen der Marktanteile. Packt man dann noch den kleinen Biergarten, den Live-Musikclub und die DJ-Partyveranstaltungen mit ins Paket, so passt es langsam nicht mehr in die gängigen Schubladen.

Wie sieht das musikalische Programm aus? Was kann man bei euch erleben?

Sei es Livemusik oder unsere DJ-Party-Serien: Man kann sicherlich sagen, dass das Messajero eher rocklastig ist, wenn auch nicht ausschließlich. Das müsste nicht zwingend aus geschmacklichen Gründen des Betreibers so sein, ergibt sich aber aus dem hiesigen Mainstream und aus dem Umstand, dass andere Genre im jüngeren Publikumssegment so derart diversifiziert sind, dass es schwer ist eine „Crowd“ zusammen zu bekommen. Vielleicht liest das ja ein junger Gladbacher Macher und beweist mir das Gegenteil… Die Grenzen des Rockgenres sprengt regelmäßig unsere monatliche Improvisationskonzertserie „Yes We Jam“ von und mit René Pütz. Nächstes Mal am 21.09. kann man sich in unserem Club live überraschen lassen, wohin die Profimusiker sich musikalisch treiben lassen werden.

Gibt es eine spannende heimische Musikszene in Mönchengladbach? Wen würdest Du da unbedingt erwähnen?

Neben den diversen Formationen alter Hasen, die ich mich freue zu meinen Stammbands zählen zu dürfen, die auch überregional und international punkten können und die jeder Musikszene-Interessierte in Gladbach kennt, habe ich das Gefühl zuwenig von jungen Bands aus Mönchengladbach zu erfahren. Spannend insofern: Es muss sie geben, aber wo sind sie? Die guten alten Musikerfreunde, die hier schon ihre erheblichen Meriten haben, mögen mir nachsehen, dass ich sie zu Gunsten dieser Bemerkung hier diesmal nicht aufzähle. Nur aus Platzgründen.

Wo brauchen die Musiker unbedingt noch Unterstützung?

Vor allem in der Wahrnehmung und Wertschätzung einer breiteren lokalen Öffentlichkeit. Und in der Berichterstattung. Man hat oft das Gefühl, von 260.000 Gladbachern interessieren sich nur 1.500 für Clubkonzerte, die über Covermusik hinausgehen. Wenn an einem Konzertabend dann 80 Zuschauer tatsächlich erscheinen, kann man von Glück reden.Ohne Support aus der eigenen Stadt kann kein Fußballteam auswärts einen Blumentopf gewinnen. Das gilt für Bands genauso. Möglicherweise ist genau dieses Problem für junge Bands noch viel größer, als für die alten Haudegen, die immerhin „jeder“ von den gefühlten 1.500 schon lange kennt. In den geburtenstarken Jahrgängen war es wohl leichter, viele Gleichgesinnte im Getümmel zu finden, als im heutigen unverbindlichen Überangebot per Mausklick. Nur aus lokalen Clubs in der physischen Welt, also nicht virtuell, können lokale Bands zu Höherem aufbrechen. Vorausgesetzt es bewegt ihre eigenen Freunde, hinzugehen.

Was gibt es im Messajero zu essen und worauf legt Ihr besonderen Wert in der Küche?

Es gibt bei uns in erster Linie Gerichte, die wir in ähnlicher Form wie spanische Tapas reichen und die ausdrücklich zum Kombinieren und Kreuz- Und-Quer-Probieren in geselliger Runde animieren sollen. Auf vielfachen, dauerhaften Wunsch kredenzt unser Koch Leif seit mehreren Jahren immer mittwochs seinen höchst ordentlichen Burger, der viele Freunde hat. Und monatlich ändernd gibt es zwei, drei zusätzliche Gerichte und Desserts zur Abwechslung. Leif legt großen Wert auf eigene Handschrift und auf das Vermeiden von vorbehandelten und vorproduzierten Zutaten. Es werden Rohstoffe eingekauft, mit denen handwerklich selber vorbereitet und gekocht – nicht gepfuscht – wird. Viele der über dreißig Sorten Tapas sind vegetarisch, teils auch vegan. Aus Letzterem machen wir allerdings wirklich keine besondere Domäne oder trittbrettfahrerische Schlagzeile. Ideologische Monokultur auf dem Tisch schmeckt uns nicht so gut.

Warum heißt es eigentlich „Zirkus“ Messajero?

Hätte man sagen sollen Café Messajero? Bar, Kneipe? Restaurant? Biergarten? Musikclub? Party- Venue? Menschen, Tiere, Sensationen! Wir reißen zu unseren Hoch-Zeiten ein riesiges Programm ab, gern schon mal mit drei unterschiedlichen Veranstaltungen in einer Woche, jeweils in drei Areas. Und jonglieren dabei auf dem Hochseil zügiger Bedienung und guter Küche. Das ist bei sehr vollem Haus manchmal schon „akrobatisch“. Nicht immer restlos ohne Patzer, wofür wir um Verständnis bitten.

Warum sollten die Leser unbedingt mal zu euch kommen?

Haha! Schon allein, um unsere großen Deckengemälde von Gregor Wosik zu bewundern, die er uns für das Messajero überlassen hat, damit sie öffentlich gesehen werden können.

Welche Events sind im September, Oktober geplant?

Unsere Veranstaltungstermine aktualisieren wir laufend auf unserer Homepage, www.MESSAJERO. com. Um nur zwei von vielen Angeboten zu nennen: Im September empfehle ich beispielsweise das Konzert von „Schluff Jull“ am 08.09.. Und am 21. Oktober veranstalten wir das bereits 10-jährige Jubiläum unseres Partyformats „Hejo’s Kultpalast“.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Messajero?

Ein prosperierendes Mönchengladbach, das in seinen Eigenarten seine Stärken entdeckt, aus dem Kleinteiligen zum Ganzen findet, die alten Trampelpfade verlässt, selbstbewusster mehr über den Tellerrand schaut und dabei jede Menge jungen, frischen Bürgersinn entfaltet. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch soziokulturell. Das wäre dann ein urbanes Milieu, in dem Nachfrage und Angebot noch viel mehr Kraft entfalten und mehr Facetten zeigen könnten. Was die Stadt vielfältiger macht, ist gut für das Messajero. Dann könnte ich vielleicht auch mehr „auswärtige“ Bands präsentieren und auf Interesse hoffen.